Samstag, April 13, 2024

Ufuk Çakır: Gedenkveranstaltung im Deutschen Bundestag anlässlich des verheerenden Erdbebens in der Türkei und in Syrien

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(Auf Einladung von Max Lucks MdB, Vorsitzender der deutsch-türkischen Parlamentariergruppe, Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, 21. Februar 2024)

Sehr geehrter Vorsitzender der Deutsch-Türkischen Parlamentariergruppe Max Lucks, geschätzte Abgeordnete, werte Verbandsvertreterinnen und Vertreter, liebe zahlreiche Gäste und Unterstützerinnen und Unterstützer, als Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde Deutschland K.d.ö.R. stehe ich heute vor Ihnen, um von den bemerkenswerten Anstrengungen und Erfahrungen unserer Gemeinde nach dem verheerenden Erdbeben am 6. Februar 2023 zu berichten. Es ist mir eine außerordentliche Ehre und Verpflichtung, hier zu sein und unsere Geschichte des Zusammenhalts und der Solidarität mit Ihnen zu teilen.

Vor einem Jahr, als die Erde bebte und ganze Gemeinden in Trümmern lagen, haben wir als Gemeinde sofort reagiert. Von der ersten Minute an haben unsere Cem Häuser und Mitglieder unermüdlich gearbeitet, um den Betroffenen zu helfen. Mit Sachspenden, medizinischen Artikeln und vor allem finanzieller Unterstützung haben wir einen direkten Beitrag geleistet, um den Menschen in den betroffenen Gebieten zu helfen. Unsere Gemeinden in ganz Europa und in der Türkei haben sich zusammengetan und mit vereinten Kräften geholfen.

Die Bedeutung von Solidarität und gemeinschaftlichem Zusammenhalt wurde in dieser Zeit der Krise deutlicher denn je.

Wir haben gesehen, wie wichtig es ist, in schwierigen Zeiten zusammenzustehen und einander beizustehen. Diese Erfahrung hat unsere Gemeinschaft gestärkt und unsere Verbundenheit als Gemeinde vertieft.

Ein bewegendes Beispiel für gelebte Solidarität ereignete sich während der Hilfsaktionen, als ein deutscher Helfer in türkischer Sprache zu einer Frau unter den Trümmern sprach. Die Worte des Notarztes von I.S.A.R Germany, die er sich in türkischer Sprache aneignete, „Zeynep hanım, korkma, hab keine Angst!“ gingen durch sämtliche Nationen und machten ihn – zu Recht – zum Helden. Denn das war gelebte Solidarität, die unter die Haut ging.

Aber unsere Arbeit endete nicht mit den unmittelbaren Hilfsmaßnahmen nach dem Erdbeben.

Wir haben uns verpflichtet, langfristige Unterstützung zu leisten und den Betroffenen zu helfen, sich wieder aufzubauen.

Von der Förderung von Bildungsprojekten bis hin zur Unterstützung von Gemeinschaftsinitiativen vor Ort haben wir uns weiterhin dafür eingesetzt, den Menschen in den betroffenen Regionen eine Perspektive und Hoffnung zu geben.

Heute stehen wir hier, ein Jahr nach dem Erdbeben, um der Opfer zu gedenken und denen zu danken, die geholfen haben. Aber wir stehen auch hier, um die Botschaft der Solidarität und des Zusammenhalts weiterzutragen. Denn nur gemeinsam können wir die Herausforderungen meistern, denen wir gegenüberstehen, und eine Welt schaffen, in der niemand allein gelassen wird.

Es ist wichtig anzusprechen, dass das Ausmaß der Katastrophe nicht allein auf die Natur zurückzuführen ist, sondern auch auf das Versagen der Politik in der Türkei.

Die existenziellen Bausicherheitsvorschriften wurden faktisch außer Kraft gesetzt, was dazu führte, dass das Erdbeben eine verheerende Katastrophe wurde. Diese Region ist seit langem bekannt für ihre seismische Aktivität, und es ist unerlässlich, dass die Politik ihre Verantwortung ernst nimmt und Maßnahmen ergreift, um die Sicherheit der Menschen zu gewährleisten.

Es ist auch wichtig, nicht außer Acht zu lassen, welche siedlungspolitischen Folgen die Regierung aus der Katastrophe zieht. In den mehrheitlich alevitisch und kurdisch bewohnten Gebieten, die komplett zerstört worden sind, werden ganze Dörfer umgesiedelt und neustrukturiert, und eine Aufbaupolitik betrieben, die nur mit der Assimilierung der Bevölkerung einhergehen kann.

Als jemand, dessen Eltern aus dem Erdbebengebiet stammen und dessen Kindheitserinnerungen durch die Zerstörung dieser Stadt zunichte gemacht wurden, kann ich persönlich die existenzielle Notwendigkeit der fortgesetzten Unterstützung im Erdbebengebiet nur zu gut nachvollziehen. Aber ich bin nicht allein mit diesen Erinnerungen. Viele hier in Deutschland lebende Menschen teilen ähnliche Geschichten und Gefühle der Verbindung zu den betroffenen Regionen. Wir alle tragen die Erinnerungen an unsere Heimatstädte und die Hoffnung auf ihre Wiederherstellung in unseren Herzen.

Dies unterstreicht nur weiter die Dringlichkeit und Wichtigkeit unserer fortgesetzten Unterstützung für diejenigen, die von dieser Tragödie betroffen sind. Dies zeigt auch, dass die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland vielfältiger, vielschichtiger und komplexer ist als es einige Kräfte in diesem Land wahrhaben wollen. Dass Katastrophen, die tausende von Kilometern weit weg geschehen, auch Menschen hier vor Ort zutiefst betroffen machen, sie trauern lassen. Und dass es bei der Unterstützung der Menschen in den Erdbebenregionen nicht nur um internationale Solidarität geht, sondern um die Solidarität mit Menschen auch hier vor Ort.

Kurz nach dem 4. Jahrestag des rassistisch motivierten Anschlags in Hanau am 19. Februar 2020, bei dem 9 jungen Menschen ermordet wurden, möchte ich hier auch die Gelegenheit nutzen, an sie zu erinnern. Nur eine solidarische Gesellschaft kann dazu führen, dass solche Anschläge nicht mehr passieren.

Ich danke Ihnen allen für Ihre Unterstützung und Ihre Teilnahme an dieser wichtigen Veranstaltung.

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