Wahrnehmung Gottes in Alevitischer und Christlicher Lehre

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Für mich ist das Besondere im Umgang mit Aleviten, dass ich meinen eigenen christlichen Glauben ohne falsche Rücksichtnahme und ohne als „ungläubig“ angesehen zu werden, bezeugen kann und dass ich gleichzeitig den alevitischen Weg als Bereicherung erlebe. Alevitischer Glaube wurde jahrhundertelang fast ausschließlich durch Weisheitssprüche, Gedichte und Lieder weitergegeben. Aus dieser Fülle von alevitischen Weisheiten habe ich für unseren interreligiösen Dialog ein Wort des Heiligen Ali (Hz. Ali) ausgesucht:

„Würde ich Gott nicht sehen und nicht erkennen, würde ich nicht an ihn glauben.“

Von Gisela Thimm*

Ohne meine persönliche Freundschaft zu einigen alevitischen Familien hätte ich kaum etwas von Ali, dem Wegbegleiter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed gehört. Und so geht es wahrschein-lich vielen Christen in unserem Land. Erst im Gespräch mit unseren alevitischen Freunden habe ich gelernt, dass Ali ihr Namenspatron ist, obwohl die Wurzeln des Alevitentums schon Jahrhunderte weiter zurückgehen.
Ali wird von ihnen als Heiliger verehrt, der in seinem Leben die höchste Stufe der Vollkommenheit erreicht hat. Besonders betont wird sein gewaltloser Einsatz für Gerechtigkeit und seine besondere Zuwendung zu entrechteten, unterdrückten und hungernden Menschen in seinem Umfeld. Er wird deshalb von den Aleviten als Beistand angerufen im Kampf gegen Unrecht und bei der Bewältigung von Alltagssorgen und Nöten. Wegen seiner großen Weisheit bezeichnete ihn Mohammed als „Tor zur Stadt des geistlichen Wissens“.

Ali bekennt von sich, dass er Gott gesehen und erkannt hat und darauf sein Glaube beruht. Ob er dabei an eine besondere Gottesbegegnung gedacht hat, ist nicht überliefert, aber es ist durchaus vorstellbar.

In den Heiligen Schriften erfahren wir immer wieder, wie sich Gott einzelnen Menschen auf ganz unterschiedliche Weise offenbart hat. Besonders die Bibel ist reich an Berichten, in denen Gott aus seiner Verborgenheit heraustritt, um Menschen für eine besondere Aufgabe zu berufen. Propheten erleben, wie Gott zu ihnen spricht und sie befähigt, sein Wort weiterzugeben.


Oft sind sie zunächst zu Tode erschrocken, denn in Gottes Gegenwart erkennt der Mensch sofort, wie groß sein Abstand zu Gottes Welt ist. So ruft zum Beispiel der Prophet Jesaja entsetzt aus: „Wehe mir, ich vergehe, denn ich habe unreine Lippen!“ Doch Gottes Ziel ist nicht die Vernichtung der Menschen, die er als sein Werkzeug gebrauchen will, sondern ihr Vertrauen.

Deshalb hält sich Gott an die irdischen Wahrnehmungsmöglichkeiten, denen Menschen unterworfen sind. Das kann in Form von Visionen, Auditionen, Träumen, ja sogar durch Entrückung in Ekstase geschehen.

Gott zeigt sich aber nicht nur durch innere Vorgänge im Menschen, sondern auch in vielen äußeren Ereignissen: in ungewöhnlichen Naturereignissen, in Gewittern, aber auch in der Schönheit der Natur.

Der Prophet Elias – einer der größten Propheten des alten Israels – erlebte, dass Sturm und Unwetter vorausgingen, ehe Gott in einem stillen sanften Säuseln an ihm vorüberging. Da verhüllte er voll Ehrfurcht sein Antlitz.
Mose, den Gott zum Führer seines Volkes berief, hörte seine Stimme in einem brennenden Dornenbusch, der nicht verglühte.

Es gehört zu Gottes Liebe, dass er sich uns Menschen nur so weit offenbart, wie wir es mit unseren irdischen Sinnen begreifen können. Er wird uns immer nur einen Bruchteil seiner Größe und Allmacht zeigen, erschreckend und tröstlich zugleich.

In meinem persönlichen Glauben steht Jesus Christus im Mittelpunkt, in dem uns Gott auf Augenhöhe begegnet, um uns durch sein Wirken in Wort und Tat seine Liebe nahezubringen. Jesus ist in unseren Augen die dem Menschen zugewandte Seite Gottes.


In seiner bedingungslosen Zuwendung zu Menschen, die unter besonderen Belastungen litten, zeigen sich durchaus Parallelen zu dem Leben des Hl. Ali, der 600 Jahre später lebte.


Jesus brachte den Menschen Heilung von Krankheiten, Befreiung von drückenden Lasten, Vergebung ihrer Schuld und Versöhnung mit Gott.
Eine Besonderheit des christlichen Glaubens ist, dass wir überzeugt sind, dass Gott Jesus nach seiner Kreuzigung von den Toten auferweckt hat. Damit hat Gott alles, was Jesus in seinem irdischen Leben gelehrt und getan hat, auf einzigartige Weise bestätigt.


Es wurde den Freunden Jesu geschenkt, dem Auferstandenen noch einmal persönlich zu begegnen. Er beauftragte sie, seine Botschaft weiterzugeben, und er gab ihnen die Verheißung mit auf den Weg: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Davon lebt unser Glaube bis in unsere heutige Zeit.

Natürlich gibt es immer wieder Situationen, in denen wir uns wünschten, wir könnten wie der Hz. Ali sagen: „Würde ich Gott nicht sehen und nicht erkennen, so würde ich nicht an ihn glauben“
– oder der Umkehrschluss: „Ich glaube an Gott, weil ich ihn sehe und erkenne.“

Haben es Aleviten deshalb leichter als Christen?

Gotteserkenntnis ist auch dem Hz. Ali sicher nicht in den Schoß gefallen. Für ihn wie für alle Aleviten führt der Weg zur Erkenntnis der Wahrheit über 4 Tore mit jeweils 10 Stufen bis zum nächsten Tor.
Dieser Weg beinhaltet eine vorbildliche Ethik, die Christen voll mittragen können. Er erfordert sehr viel Selbstdisziplin und  Bekämpfung des Egoismus – ähnlich wie es Jesus von Menschen in seiner Nachfolge erwartet. Besonders beeindruckt mich, welch hohen Stellenwert bei den Aleviten „Bescheidenheit“, „Toleranz“ und „absolute Gewaltlosigkeit“ haben.

Aleviten sprechen selten von ‚Religion’, sondern von einem ‚geistlichen Weg’ von einer unvollkommenen zu einer zunehmend vollkommeneren Ebene. Für seinen Erfolg ist der Einzelne selbst verantwortlich. Er geht diesen Weg aber im Vertrauen darauf, dass Gott in seinem Herzen wohnt und ihm beisteht.

Christen finden die wichtigsten für sie verbindlichen Regeln im Neuen Testament der Bibel, vor allem in der Bergpredigt Jesu.

Die „Bergpredigt“ ist eine Sammlung der wichtigsten Gedanken Jesu, sozusagen sein Programm, das am Anfang seines Wirkens auf dieser Erde steht.
Wer seinen christlichen Glauben ernst nimmt, kommt an der Bergpredigt nicht vorbei.

Das gilt auch für unsere methodistische Kirche, die in England im 18. Jahrhundert entstanden ist – als Reaktion auf eine Zeit mit den schlimmsten sozialen Missständen.
Der anglikanische Pfarrer John Wesley, auf den die methodistische Bewegung zurückgeht, hat für die ersten Methodisten die sog. „Allgemeinen Regeln“ zusammengestellt als Hilfe für ein vorbildliches Leben in der Nachfolge Jesu.
Was bei den Aleviten der „Weg zur Vervollkommnung“ ist, wird im methodistischen Sprachgebrauch als „Heiligung“ bezeichnet.

Eine aktualisierte Fassung der damaligen Regeln finden wir für unsere heutige Zeit in den „Sozialen Grundsätzen“ und einem „Sozialen Bekenntnis“ der Ev.-methodistischen Kirche. Darin verpflichten wir uns u. a. „zur Mitarbeit am weltweiten Frieden und treten ein für Recht und Gerechtigkeit unter den Nationen.“

Kommen wir nun noch einmal zurück auf unser Gottesverständnis.

Christen wie Aleviten glauben, dass Gott den Menschen als Krone der Schöpfung nach seinem Ebenbild geschaffen hat. Durch Gottes eigenen Atem wurde der Mensch zur lebendigen Seele und
zu Gottes Partner, dem er seine Liebe schenken will.

Doch dann trennen sich die Wege: Christen glauben, dass der Mensch durch seine eigene Überheblichkeit die Verbindung mit Gott verloren hat und den Rückweg allein nicht mehr findet. Diese Gottesferne wird durch Jesus Christus besiegt. Im Glauben an ihn finden wir wieder Anschluss an seine Kraft, die auch in unserer Schwachheit mächtig wirken kann. Das ist ein Geschenk – eine unverdiente Gnade, auf die wir mit Dankbarkeit antworten wollen. Unser Bemühen um ein geheiligtes Leben ist deshalb „gelebte Gnade“.

Aus Sicht der Aleviten ist die Kraft Gottes im Menschen nie verloren gegangen. Der Mensch wird nach alevitischem Verständnis als ein Wesen begriffen, das das Potential des Göttlichen in sich trägt. Deshalb kann er aus eigenem Bemühen Vollkommenheit und Einssein mit Gott erreichen. Dass dies tatsächlich möglich, dafür ist der Hz. Ali ein leuchtendes Vorbild. Er hat nach alevitischem Glauben das 4. Tor – das Tor der Wahrheit – durchschritten.


Aleviten sind sich aber auch bewusst, dass eine einzige Lebensspanne oft nicht ausreicht, um dieses Ziel zu erreichen. Deshalb wird die unsterbliche Seele des Menschen nach seinem Tod  immer wieder neu von Gott in diese Welt zurück gesandt.


Gotteserkenntnis beginnt für Aleviten immer mit Selbsterkenntnis. In den alevitischen Weisheiten heißt es deshalb: „Wer sein Selbst nicht kennt, kennt Gott nicht.“ – oder „Was du suchst, such es in dir selbst.“ Der Mensch ist Teil der Offenbarung Gottes in dieser Welt. In ihm spiegelt sich Gott.
Wenn Aleviten diesem hohen Anspruch gerecht werden wollen, dann begeben sie sich allein und miteinander auf den Weg der 4 Tore und der 40 Stufen.

Wichtig ist für Aleviten wie für Christen, dass sie auf ihrem Weg nicht den Blick für ihre Mitmenschen verlieren, besonders auch für Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind oder in ihrem Leben gescheitert sind, aus welchen Gründen auch immer.


Jesus Christus sagt: „Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan.“ Dadurch wird unsere Glaubwürdigkeit in dieser Welt sichtbar. Wir sind uns darin einig: Gott grenzt niemanden aus. Seine Liebe lässt selbst den schlimmsten Verbrecher nicht fallen. Auch er bleibt ein Mensch.

Gerade Aleviten haben sehr viel Leid von anderen Menschen erfahren müssen. Selbst der Hz. Ali wurde ermordet. Trotzdem gilt für uns gemeinsam, was der Apostel Paulus im Römerbrief schreibt und was auch in der alevitischen Lehre zum Ausdruck kommt:
„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ (Römer 12,21)

Was das für Konsequenzen hat, das wird in einem modernen Kirchenlied aus unserem Gesangbuch sehr gut zum Ausdruck gebracht:

„Wo Menschen sich verbünden, den Hass überwinden und neu beginnen …,       da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns.“

Auch Aleviten haben viele Gesänge, die den richtigen Weg für die Menschen zeigen. Z. B. der berühmte Dichter Yunus Emre schrieb im 14. Jahrhundert folgendes:

„Unser Name ist Bescheidenheit
Unser Feind ist der Hass
Wir hassen niemanden
Die Ganze Welt ist für uns eins.“

Dass diese Verbundenheit unter uns wächst, wünsche ich Ihnen und uns allen.   

* Gisela Thimm ist die Laienpredigerin der Ev.-methodistischen Kirche in Bonn und Umgebung                                                                     

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