Gedenken an das Massaker von Zini Gediği vom 8. August 1938
Am 8. August 2026 kamen in Surbahan (Kılıçkaya) zahlreiche Menschen zusammen, um der Opfer des Massakers von Zini Gediği zu gedenken. 88 Jahre nach dem 8. August 1938, an dem in den Bergen bei Surbahan 97 Menschen ermordet wurden, wurde die Erinnerung an die Opfer erneut zum Mittelpunkt einer Gedenkveranstaltung. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, politische Vertreter, Vertreterinnen und Vertreter alevitischer Verbände sowie Organisationen aus Dersim nahmen an der Veranstaltung teil.

Eröffnet wurde das Gedenken mit einer Schweigeminute. Anschließend sprachen Narin Ana, Naime Ana und Firaz Ana Gebete für die Opfer. Gedenklieder, die die Erinnerung an die damaligen Ereignisse bewahren, begleiteten die Veranstaltung. Damit wurde nicht nur der Toten gedacht, sondern auch eine Erinnerungskultur sichtbar, die über Jahrzehnte vor allem durch Familien, Angehörige und die mündliche Überlieferung aufrechterhalten wurde.

Im anschließenden Panel wurde der Genozid von Dersim aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. Prof. Dr. Bedriye Poyraz ging auf das Ausmaß des Genozids und die Methoden ein, mit denen die Bevölkerung von Dersim verfolgt und vernichtet wurde. Dr. Orhan Gazi Ertekin beleuchtete die juristischen Dimensionen der historischen Aufarbeitung. Der Forscher und Schriftsteller Cemal Taş stellte historische Zusammenhänge her und verwies auf Parallelen zu Zini Gediği und anderen Orten, an denen die Gewalt von 1937/38 ihre Spuren hinterließ.

Auch die Bedeutung der Erinnerung für die Gegenwart wurde in verschiedenen Redebeiträgen hervorgehoben. Hüseyin Mat, Vorsitzender der AABK, unterstrich die Bedeutung einer lebendigen Erinnerungs- und Gedenkkultur. Besonders bemerkenswert war die Teilnahme von 22 Jugendlichen des BDAJ NRW (Bund der Alevitischen Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen e.V.), die im Rahmen einer Studienreise zu Dersim vor Ort waren und an der Gedenkveranstaltung teilnahmen. Ihre Anwesenheit machte deutlich, dass die Erinnerung an Tertelê nicht allein eine Angelegenheit der Generation der Überlebenden und ihrer unmittelbaren Nachkommen ist. Sie ist auch eine Aufgabe der jüngeren Generationen.

Zini Gediği – ein Massaker im Kontext von Tertelê
Das Massaker von Zini Gediği kann nicht als isoliertes Ereignis verstanden werden. Es ereignete sich im Kontext der Vernichtungs- und Deportationsoperationen, die 1937/38 gegen die Bevölkerung von Dersim durchgeführt wurden. Tertelê bezeichnet für viele Dersimerinnen und Dersimer diesen Prozess der systematischen Gewalt, Vertreibung und Vernichtung, der tausende Menschen das Leben kostete und die gesellschaftlichen Strukturen der Region nachhaltig zerstörte.

Am 8. August 1938 wurden 97 Menschen aus verschiedenen Dörfern zusammengetrieben. Unter dem Vorwand, sie müssten bei einem verunglückten Lastwagen helfen, wurden Menschen aus ihren Häusern, von ihren Feldern und aus ihrem Alltag herausgeholt. Sie wurden zunächst in einem Stall zusammengebracht und anschließend in die Zini-Gediği-Schlucht am Fuß des Ağbaba-Berges gebracht. Dort wurden sie mit Maschinengewehren erschossen. Unter den Ermordeten waren Menschen unterschiedlichen Alters; die überlieferten Angaben reichen von 17 bis 80 Jahren.

Auch nach diesem Massaker setzte sich die Gewalt fort. Das Dorf Molladiler wurde in Brand gesetzt. Menschen, die fliehen konnten und sich später den Soldaten ergeben wollten, gingen mit weißen Fahnen auf die Soldaten zu. Auch auf sie wurde geschossen.
Die Erinnerung an Zini Gediği wurde dennoch weitergetragen. Weil über die Ereignisse jahrzehntelang kaum öffentlich gesprochen werden konnte, waren es insbesondere Mütter, Angehörige und Familien, die das Wissen bewahrten. Erdal Kılıçkaya, der aus Kılıçkaya stammt und später im europäischen Exil lebte, berichtete, dass er bereits als Kind von den Ereignissen gehört hatte. Die Geschichte wurde nicht zuletzt durch die Tränen der Mütter und die von ihnen gesungenen Trauergesänge weitergegeben.

Jahrzehnte später begann Erdal Kılıçkaya aus Frankreich, die Ereignisse systematisch zu dokumentieren und gründete unter anderem die Initiative zu Zini Gediği mit. Kılıçkaya führte Gespräche mit Angehörigen und Zeitzeugen, wodurch die Dimension des Massakers zunehmend sichtbar wurde. Auch die Suche nach den Überresten der Ermordeten wurde zu einem zentralen Anliegen der Angehörigen. Für viele Familien besteht bis heute die schmerzhafte Tatsache, dass ihre Väter, Großväter, Verwandten und Vorfahren keinen bekannten Grabort haben.

Die Gewalt von 1937/38 hatte eine Vorgeschichte
Wer Zini Gediği verstehen will, muss die Vorgeschichte von Tertelê betrachten. Die Gewalt von 1937/38 entstand nicht plötzlich. Bereits Jahre zuvor finden sich in staatlichen Dokumenten Überlegungen und Forderungen, die auf eine grundlegende Veränderung der Region Dersim zielten.
Die staatlichen Berichte dürfen dabei nicht unkritisch als objektive Beschreibung Dersims verwendet werden. Sie sind vielmehr Quellen, die zeigen, wie staatliche Stellen die Region und ihre Bevölkerung betrachteten und welche politischen Maßnahmen daraus abgeleitet wurden.
Die Türkische Republik befand sich in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens in einem umfassenden Prozess der Konstruktion einer neuen staatlichen Identität. Nach dem Ende des Osmanischen Reiches sollte ein moderner Nationalstaat entstehen, dessen nationale Identität sich an europäischen Nationalstaatsmodellen orientierte. Insbesondere das französische Modell eines zentralisierten und möglichst homogenen Nationalstaates übte großen Einfluss aus.

In diesem politischen Verständnis wurde die multiethnische, religiös vielfältige und weitgehend autonome Gesellschaft Dersims zunehmend als Problem betrachtet. Staatliche Berichte bezeichneten die Region wiederholt als widerspenstig, rebellisch und der staatlichen Ordnung nicht ausreichend untergeordnet. Die Bevölkerung wurde als zu „zivilisierend“ und zu kontrollierende Gruppe dargestellt.
Bereits am 2. Februar 1926 schrieb Hamdi Bey, Inspektor des türkischen Innenministeriums, in einem Bericht über Dersim, die Region sei für die Republik ein „Furunkel“, gegen das eine endgültige Maßnahme notwendig sei. Versuche, die Bevölkerung sesshaft zu machen oder zu „zivilisieren“, wurden in diesem Zusammenhang als unzureichend dargestellt.

Diese Perspektive tauchte auch in späteren staatlichen Berichten auf. Unter anderem finden sich ähnliche Vorstellungen in Berichten des Generalgendarmeriekommandos aus dem Jahr 1932. Wiederholt wurden Entwaffnung, die Entfernung von Stammesführern, Zwangsumsiedlungen und Neuansiedlungen sowie eine stärkere militärische Kontrolle der Region gefordert. Die militärische Durchsetzung dieser Maßnahmen wurde dabei zunehmend als notwendiges Mittel dargestellt.
Was in den Dokumenten zunächst als politische Planung, „Befriedung“ oder „Zivilisierung“ beschrieben wurde, mündete 1937/38 in eine umfassende militärische Gewaltoperation. Dörfer wurden zerstört, Menschen getötet und deportiert, Familien auseinandergerissen. Zini Gediği war Teil dieser Gewaltgeschichte.

Ein kaum aufgearbeitetes Kapitel der Geschichte
Trotz der Bedeutung dieser Ereignisse ist der Genozid von Dersim bis heute nicht ausreichend erforscht. Es gibt umfangreiches Wissen: in Familiengeschichten, mündlichen Überlieferungen, Erinnerungen der Überlebenden und ihrer Nachkommen, in wissenschaftlichen Arbeiten sowie in staatlichen und privaten Archiven. Doch dieses Wissen muss systematisch zusammengetragen, kritisch ausgewertet und wissenschaftlich untersucht werden.
Dabei kommt den Dersimer Organisationen ebenso wie den alevitischen Verbänden eine besondere Verantwortung zu. Erinnerung darf nicht allein auf jährliche Gedenkveranstaltungen beschränkt bleiben. Sie braucht Forschung, Dokumentation, Bildungsarbeit und eine kontinuierliche gesellschaftliche Auseinandersetzung. Ebenso wichtig ist die internationale Anerkennung und Einordnung des Geschehenen.
Die Geschichte von Zini Gediği zeigt dabei, welche Bedeutung die Angehörigen selbst für die historische Aufarbeitung haben. Ihre jahrzehntelangen Erinnerungen haben dazu beigetragen, einen Ort sichtbar zu machen, über den lange Zeit kaum öffentlich gesprochen wurde. Die Forderung nach der Suche nach den sterblichen Überresten und nach ihrer Identifizierung durch DNA-Analysen ist dabei nicht nur eine historische oder juristische Frage. Sie ist eine zutiefst menschliche Forderung: Die Opfer sollen einen Namen, einen Ort und ein Grab bekommen.

Erinnerung ist Verantwortung
Die Gedenkveranstaltung in Surbahan hat gezeigt, dass die Erinnerung an Zini Gediği lebendig ist. Zugleich hat sie deutlich gemacht, dass Erinnern und Aufarbeitung zwei Seiten derselben Aufgabe sind. Wer der Opfer gedenkt, muss auch nach den Bedingungen fragen, unter denen diese Gewalt möglich wurde.
Die 97 Menschen von Zini Gediği waren keine abstrakten Zahlen. Sie waren Eltern, Kinder, Geschwister, Nachbarn und Angehörige. Ihre Geschichten wurden über Jahrzehnte in Familien weitergetragen – durch Erzählungen, Tränen und Ağıtlar, die Trauergesänge der Mütter.
Die Erinnerung an Tertelê ist deshalb nicht nur eine Angelegenheit der Dersimerinnen und Dersimer oder der Alevitinnen und Aleviten. Sie betrifft die gesamte Gesellschaft. Eine demokratische Gesellschaft muss in der Lage sein, auch die dunkelsten Kapitel ihrer Geschichte zu untersuchen und die Perspektiven der Opfer ernst zu nehmen.
Die Gedenkveranstaltung vom 8. August 2026 war deshalb mehr als ein Blick zurück. Sie war ein Zeichen dafür, dass die Erinnerung weitergegeben wird und dass die Forderung nach Aufarbeitung nicht verstummt. Zini Gediği steht dabei stellvertretend für viele Orte, an denen die Spuren von Tertelê bis heute sichtbar sind.
Eine Gesellschaft kann ihre Vergangenheit nicht ungeschehen machen. Aber sie kann entscheiden, ob sie die Erinnerung verdrängt oder sich ihr stellt. Die Namenlosen brauchen einen Ort der Erinnerung, die Angehörigen brauchen Anerkennung ihrer Geschichte und die Gesellschaft braucht die Wahrheit. Erinnerung ist daher nicht nur Gedenken.
Erinnerung ist Verantwortung.


