Prof. Dr. Edith Franke, Professorin für Allgemeine und Vergleichende Religionswissenschaft an der Universität Marburg
Trauerrede zum Tod von Prof. Dr. Ursula Spuler-Stegemann
Prof. Dr. Ursula Spuler-Stegemann wurde 1939 in Mannheim geboren. Sie schloss 1958 das Karl-Friedrich-Gymnasium in Mannheim mit dem Abitur ab. Anschließend studierte sie Ostwissenschaften, Vergleichende Religionswissenschaft, Semitische Wissenschaften sowie Deutsche Sprache und Literatur. 1967 promovierte sie an der Universität Bonn mit einer Arbeit zum türkischen Drama der Gegenwart (Literaturgeschichte). Von 1976 bis 1982 war sie als Dozentin für Türkisch an der Philipps-Universität Marburg tätig, danach als Dozentin für Religionsgeschichte. 1995 wurde sie als Honorarprofessorin im Fach Religionsgeschichte (mit Schwerpunkt Islam) am Protestantischen Theologischen Seminar berufen. Sie hat in mehreren islamischen Ländern zahlreiche Bildungs- und Forschungsprogramme umgesetzt und war als Beraterin für verschiedene Institutionen tätig.

Liebe Trauergemeinde,
als Kollegin und Freundin von Prof. Dr. Spuler-Stegemann – für viele von uns „Ulla“ – möchte ich nun einige Worte sagen, die Licht auf ihre Tätigkeit als Wissenschaftlerin und Hochschullehrerin werfen.
Manche, die heute hier sind, haben Ulla Spuler-Stegemann schon im Laufe ihres Studiums, während der Promotion oder als Kollegin an der Philipps-Universität Marburg kennen gelernt und sind mit ihr bis in die Gegenwart verbunden geblieben.

Ich selbst habe Ulla 2006, nach dem Antritt meiner Professur hier in Marburg kennen gelernt. Wir trafen uns zunächst im Kreis der inzwischen leider verstorbenen Kollegen Rainer Flasche, Kurt Rudolph, Hans-Jürgen Greschat und Martin Kraatz zu einem religionswissenschaftlichen Kaffeetrinken in verschiedenen Marburger Cafés. Aus dieser kleinen, aber feinen Tradition gingen schließlich viele Begegnungen mit Ulla hervor, in denen wir uns über unsere jeweiligen unterschiedlichen Forschungsfelder – bei mir die religiöse Pluralität im islamisch geprägten Südostasien, bei ihr vor allem der Islam in Deutschland und in der Türkei – austauschten. Die Gespräche und Begegnungen wurden vielfältiger und häufiger, so dass eine Freundschaft entstanden ist. In Zeiten, in denen es in politischer Hinsicht, im wissenschaftlichen Alltag oder auch im persönlichen Bereich schwierig wurde, waren wir uns sehr einig, dass es – frei nach Bertold Brecht – die kleinen Vergnügen im Alltag sind, die das Leben (dennoch) wertvoll und glücklich machen:
Bertold Brecht: Vergnügungen (1945)
Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen
Das wiedergefundene alte Buch
Begeisterte Gesichter
Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten
Die Zeitung
Der Hund
Die Dialektik …. usw.

… Bei Ulla gehörten neben dem Hund sicherlich auch noch Katzen, Krähen, Waschbären, Wölfe, Füchse und viele weitere Tiere dazu; aber auch die Arbeit mit Studierenden, Begegnungen mit Menschen, die Arbeit am Schreibtisch und vieles mehr …
Der wissenschaftliche Weg von Ulla Spuler-Stegemann ist von verschiedenen Stationen geprägt und macht deutlich, welch vielfältig interessierte, aufmerksame, kritische, überaus gründliche und unbeugsame Gelehrte sie gewesen ist.

Ihr Studium der Islamkunde, der Neueren deutschen Literaturwissenschaft und Religionswissenschaft in Heidelberg, Hamburg, München und Bonn, führte Ulla Spuler-Stegemann schließlich auch nach Los Angeles und in die Türkei; mit einer Studie zum „türkischen Drama der Gegenwart“ schloss sie 1967 dann ihre Promotion an der Universität Bonn ab.

Nach Jahren der Tätigkeit als Regierungsrätin und zuletzt als Regierungsdirektorin im Bundeskanzleramt wechselte sie zurück in die Wissenschaft, die sie nie ganz verlassen hatte. Sie wurde ab 1976 an der Philipps-Universität Marburg Lehrbeauftragte für Türkisch, und betreute nach Gründung des Centrums für Nah- und Mitteloststudien (CNMS) im Jahr 2007 die dort vakante Professur für Islamwissenschaft; mit ihren packenden Themen und ihrer warmherzigen und zugewandten Art trug sie sehr schnell zur Akzeptanz des Zentrums auch bei den Studierenden bei. Ab 1982 lehrte sie zudem als Dozentin für Religionsgeschichte am Fachbereich Evangelische Theologie, wo sie 1995 Honorarprofessorin wurde. Seit 2007 hat sie bis zu ihrem 75. Lebensjahr außerdem regelmäßig Lehrveranstaltungen in der Religionswissenschaft angeboten.
Ulla Spuler-Stegemann hat mit ihrer Lehre, ihren Vorträgen und ihrer engagierten und nahbaren Art viele Generationen von Studierenden und Doktorandinnen und Doktoranden inspiriert, zu kritischer Reflexion ermutigt und für die Wissenschaft begeistert.
Sie war eine herausragende und auch interdisziplinär anschlussfähige Wissenschaftlerin. Ihre Forschungsarbeiten zum Islam in der Gegenwart, zu islamischen Gruppierungen in der Türkei, dem Sufismus sowie dem Alevitentum haben maßgeblich zur Weiterentwicklung der Islamwissenschaft beigetragen und auch die Religionsgeschichte und die Religionswissenschaft angeregt und bereichert. In den letzten Jahren hat sie sich mit großer Begeisterung auch mit dem Thema Religion und Tiere befasst.
Mit ihren vielfältigen Publikationen erlangte sie eine beachtliche Reichweite. In dem mittlerweile als Standardwerk etablierten Buch Muslime in Deutschland (Herder 1998, Neuaufl. 2011) würdigte sie die Vielfalt des Islams. Auch das bereits erwähnte Buch zu den 101 Fragen zum Islam war ein großer Erfolg; es erlebte sechs Neuauflagen – zuletzt 2024. Das Buch gehört bei uns zur Grundlektüre für Studierende, die sich mit dem Islam beschäftigen; ist aber auch darüber hinaus sehr gefragt, um etwas über den Islam in der Gegenwart zu erfahren.

Aufgrund ihrer umfassenden Fachkenntnisse war Ulla Spuler-Stegemann eine gefragte Beraterin für verschiedene politische und religiöse Institutionen und stets eine aufmerksame, kluge und differenzierte Ratgeberin.
Ulla hatte einen scharfen, lebhaften Intellekt. Sie war sehr belesen, liebte Fachbücher, aber auch Literatur und Dichtung – vor allem aber auch das Gespräch, ob mit Studierenden, Kolleginnen und Kollegen, mit Publizistinnen oder anderen Personen des öffentlichen Lebens. Dabei interessierte sie sich besonders für das Themenfeld Islam, aber auch für Fragen des interreligiösen Dialogs und für die Verflechtungen politischer und religiöser Interessen – nicht nur historisch, sondern auch ganz aktuell.
Ulla war eine aufmerksame, kritische und auch streitbare Gesprächspartnerin – ich vermute, dass sich alle, die sie kannten, daran erinnern, wie fundiert, manchmal unbequem, aber immer auch an der Sache interessiert die Gespräche mit ihr waren. Dass sie zugleich jemand war, die sich gerne, intensiv und mit großzügiger Aufmerksamkeit in Kontakte und Freundschaften eingebracht hat, haben sicherlich ebenfalls viele von uns vor Augen.
In den letzten Tagen fiel mir eine Zeile ein, die Hilde Domin Ende der 1950er Jahre in einem Brief an ihren Bruder geschrieben hat. Dieser Satz passt für mich auch gut zu Ullas Lebensweg:
„Ich setzte meinen Fuß in die Luft, und sie trug“
Wir behalten Ulla als herausragende Wissenschaftlerin, engagierte Dozentin, geschätzte Kollegin und liebenswerte, gute Freundin in Erinnerung.
Ihr mutiger, kluger und kritischer Geist fehlt uns schon jetzt.
1.12.2025


